Befreiende Strukturen für eine wirkungsvolle Zusammenarbeit

Befreiende Strukturen für eine wirkungsvolle Zusammenarbeit

Szenario 1:

Es wird zu einer Besprechung geladen. Eine Stunde ist für Diskussion und Lösungsfindung angesetzt. Zur Einstimmung hält die einladende Person eine Powerpointpräsentation. Nach der Vorstellung des Problems, der Rahmenbedingungen und weiteren Informationen erfolgt die Diskussion in großer Runde.

Szenario 2:

Es wird zu einer Besprechung geladen. Eine Stunde ist für Diskussion und Lösungsfindung angesetzt. Die einladende Person wirft eine Fragestellung in den Raum, die das Thema und das Problem umreist und bittet die Teilnehmenden zum Austausch zu zweit für insgesamt 4 Minuten. Nach der ersten Runde folgt die zweite – neue:r Gesprächspartner:in und wieder 4 Minuten. In der dritten Runde filtern die neu gesetzten zweier-Gruppen die Essenz des Problems und tauschen sich anschließend mit einer anderen zweier-Gruppe darüber aus. In großer Runde stellen die vierer-Gruppen ihren Kern des Problems dar. Es zeigt sich ein Muster.  In dem folgenden zerstörerischen Moment erörtern die Teilnehmenden, was sie tun müsste, um das Problem zu verschlimmern. Anschließend sind sie ehrlich zu sich selbst und fragen sich, was sie selbst dazu beitragen. Und letztlich vereinbaren Sie verbindlich die Themen, die sie stoppen wollen.


Es sind zwei Szenarien mit unterschiedlicher Durchführung und demnach auch unterschiedlicher Dynamik. Was glaubst du? Welches Szenario war zielführender? Wo sind die Teilnehmenden alle dabeigeblieben und eingebunden? Welches Ergebnis ist nachhaltiger?

Das erste Szenario beschreibt aus meinem Blickwinkel eine gewohnte Vorgehensweise im Unternehmensalltag. Die inhaltliche Vorbereitung liegt in den Händen meist einer einzelnen Person. Demnach kann sie das Meeting zielgerichtet steuern. Eine Präsentation ist aus meiner Sicht für die Vermittlung von Wissen gut geeignet. Ich persönlich liebe TED-Talks. Die anschließende Diskussion mit allen Beteiligten kann durchaus zielführend sein, wenn die Diskussion moderativ geführt wird. Inwiefern alle Personen gleichberechtigt zu Wort kommen können, ist abhängig von der Unternehmenskultur.

Ein alternatives Vorgehen zeigt Szenario 2. Hier wurden „Liberating Structures“ für den Meetingablauf verwendet. „Liberating Structures“ sind mögliche Variante, insgesamt 33 Mikrostrukturen, um Besprechungen und Workshops zu gliedern. Die Strukturen unterstützen die Selbstorganisation. Die inhaltliche Vorbereitung ist gering, die inhaltliche Verantwortung obliegt allen Teilnehmenden gleichermaßen. Dafür sollte die einladende Person jedoch Vorüberlegungen zur Methodik und zum Besprechungsdesign tätigen. Die Auswahl aus 33 Mikrostrukturen will getroffen und sinnvoll aneinandergereiht werden.

Im obigen Beispiel findet sich der folgende String an Methoden: Zusammenkommen und CheckIn ins Meeting mit einem Impromptu Network, Problemanalyse in Form eines 1-2-4-alls, Lösungsentwicklung mit Hilfe von TRIZ.

Gut angewendet sind die Liberating Structures im wahrsten Sinne befreiend, befreiend von herkömmlichen Besprechungsabläufen. Sie bringen Abwechslung, Interaktion und Ergebnisse. Sie sind so vielfältig wie es auch Themen gibt. Sie setzen Kreativität frei und sie sparen Zeit im Meeting selbst.

Vielleicht magst auch du ein paar Alternativen in deinem nächsten Meeting einbauen und die Liberating Structures ausprobieren? Hier hast du ein paar Anregungen in der Onlinevariante:

  1. Impromptu Networking: eine Fragestellung passend zum Thema wird in den Raum und in den Chat gestellt. Anschließend folgt die erste Runde in Gruppenräumen jeweils zu zweit für vier Minuten, wo jede:r in der Hälfte der Zeit seine/ihre Antworten der anderen Seite darlegen darf. Anschließend folgt Runde 2 mit einer neuen Partner:in. Und weil es so schön war kommt noch Runde 3 mit wieder neuer Partner:in. Nach diesem Impromptu Networking sind die Teilnehmenden gut im Thema drin, sind warmgelaufen und die Beziehungen durch den eins-zu-eins Austausch wurden gestärkt.
  2. 1-2-4-All: Als kurzweilige und sehr zielführende Alternative zur Großgruppendiskussion bietet sich das 1-2-4-All an. Am Anfang sammelt jede:r für sich seine bzw. ihre Gedanken zum jeweiligen Thema. Anschließend erfolgt der Austausch zu zweit mit der Maßgabe gemeinsam den Kern der Sache zu ermitteln. Darauf aufbauend schließen sich zwei zweier Gruppen zusammen und diskutieren zu viert über das Thema, um auch hier die Essenz zu extrahieren. Diese Essenz wird in der großen Gruppe vorgestellt. Diese Struktur lässt sich für unterschiedliche Szenarien verwenden. Jede:r kommt dabei zu Wort und wird gehört.
  3. TRIZ: Statt immer wieder neue Dinge und Ideen anzufangen ist es durchaus auch erfrischend, mal etwas zu stoppen und aufzuhören. Zur Lösungsfindung mit ehrlichem Feedback eignet sich TRIZ dabei ganz hervorragend. In einer ersten Runde (erst jede:r für sich und dann gemeinsam) wird erörtert, was passieren muss damit das Problem / Thema / … noch schlimmer wird. Anschließend erforschen die Teilnehmenden, was und wie sie selbst dazu beitragen, das den eben genannten Aktivitäten ähnelt. Und dann fragen sie sich, was sie davon stoppen können. Prädikat „sehr wirksam“.

Und noch weitere 30 Herangehensweisen für deine nächste Besprechung findest du hier: https://liberatingstructures.de/.


PS: ich selbst bin ein Lerntyp, die neues erst einmal selbst erfahren und erleben muss. Wenn es dir ähnlich geht, kann ich dir die Onlineveranstaltungen von Holisticon sehr empfehlen: Workshops – Liberating Structures* (Werbung ohne Auftrag)


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