Tanz der agilen Frameworks: Scrum meets Design Thinking

Tanz der agilen Frameworks: Scrum meets Design Thinking

Agil. Beweglich. Flexibel. Anpassungsfähig. Proaktiv. Agilität erlaubt allen Widrigkeiten zum Trotz flexibel auf unvorhergesehene Ereignisse und Anforderungen reagieren zu können. Agilität schafft Strukturen und Prozesse, die eine proaktive Haltung fördert. Eine Haltung, die den/die Nutzer*in bedingungslos in den Fokus rückt, die Veränderung willkommen heißt, die schnell und iterativ Ergebnisse liefern, die Kooperationen fördern.

Verschiedene Ansätze wie Design Thinking oder auch Scrum bilden den Rahmen für eine agile Herangehensweise. Was verbindet diese beiden Modelle? Was unterscheidet sie? Und wie können diese beiden Frameworks miteinander kombiniert werden? Darum soll es im Folgenden gehen.

Scrum – eine Standardsituation im Rugby in der sich die Spieler der beiden Mannschaften eng ineinander eingehakt gegenüberstehen, um den von der Seite eingeworfenen Ball in Besitz zu bringen, ist ebenso ein etabliertes Vorgehensmodell in der Softwareentwicklung und mittlerweile auch in anderen Branchen gegenwärtig. In sogenannten Sprints, einem vorher festdefinierten Zeitraum (z.B. zwei Wochen) zum Abarbeiten von gemeinsam festgelegten Arbeiten, entwickelt sich das Produkt iterativ weiter. Am Anfang eines Sprints steht eine priorisierte Liste mit Anforderungen – das Product Backlog. Davon zieht sich das Entwicklungsteam entsprechend der Priorität so viele Anforderungen, wie es erfahrungsgemäß in einem Sprint umsetzen kann. Dann setzt das Team im Idealfall diese Anforderungen so um, dass am Ende vom Sprint wieder ein nutzbares Produkt existiert. Damit kann direkt um Feedback beim Kunden gebeten werden, das wiederum in das Backlog einfließt. Zum Abschluss eines Sprints reflektiert das Team, wie es seine Arbeitsweise verbessern kann. Dann beginnt der nächste Sprint. So die Theorie.

Wo Scrum für die Entwicklung von komplexen Produkten eingesetzt wird, findet Design Thinking Anwendung in der Lösung von komplexen Problemen. Im Design Thinking unterteilt sich ein Mikrozyklus in sechs Phasen, die im Makrozyklus ebenfalls in Iterationen zur passenden Lösung finden. Jede der sechs Phasen, vom Problemraum mit den Phasen „Verstehen“ – „Beobachten“ – „Sichtweise definieren“ bis hin zum Lösungsraum mit den Phasen „Ideen finden“ – „Prototypen bauen“ und „Feedback einholen“ besitzt eine Vielzahl an verschiedenen Methoden. Und mit jeder Phase gewinnt das Team wertvolle Erkenntnisse zur Lösung eines komplexen Problems.

Gemeinsamkeiten & Unterschiede

Beide Frameworks – Scrum wie auch Design Thinking haben den gleichen Kern:

  • sie verfolgen ein agiles, sprint-basiertes Vorgehen
  • in einem iterativen inkrementellen Prozess,
  • es gibt klare Regeln und Schritte,
  • es ist ein nutzerzentrierter Ansatz,
  • die Zusammenarbeit von mehreren Menschen wird gefördert,
  • die Teams multidisziplinar und selbstorganisiert.

Die Anwendungsgebiete sind jedoch unterschiedlich. Das eine dient der (Weiter)Entwicklung komplexer Produkte, das andere dem Lösen komplexer Probleme.

Verknüpfung der Frameworks

Für die Verbindung der beiden Ansätze gibt es drei Herangehensweisen, die ich im Folgenden kurz erläutere:

1. Das Backlog mit Design Thinking füttern

Die Einträge im Product Backlog, Anforderungen und user stories, können sehr gut mit einem Design Sprint eine neue Qualität erlangen. Die Perspektive von Nutzer und Nutzerinnen nehmen damit stärkeren Einfluss auf die Software. Neue Funktionalitäten erreichen mit einer Durchdringung der Themen  mit Hilfe von Design Thinking einen neuen Innovationsgrad.

In einem vorgelagerten Prozess werden die Nutzer*Innen und ihre tatsächlichen Bedürfnisse ermittelt, bevor das Team über die Lösung nachdenkt bzw. schon ausbaut. Im Design Thinking erhält das Team und der Product Owner die wirklich verfolgenswerten Lösungen, aus denen das Product Backlog aufgebaut werden kann. Der Design Thinking Sprint ist ein Experimentierraum, der dazu dient, das tatsächliche Problem in seiner Gänze zu durchdringen. Es ist eine Einladung, die Bedürfnisse hinter der gewünschten Anforderung zu erfassen und dadurch ganz neue Funktionalitäten, die einen wirklichen Nutzenunterschied machen, zu ersinnen. Am Ende des vorgelagerten Design Sprints steht ein Prototyp. Wenn der Prototyp erfolgreich war, entwickeln sich daraus Insights und dazugehörige Lösungen passender User Stories oder andere Arten der Anforderungsbeschreibung, die dann Teil des Product Backlogs werden. Wenn der Prototyp in der Experimentier-Phase nicht erfolgreich war, fließt das Feedback in die nächste Iteration im Design Thinking Prozess hin zur passenden Lösung ein.

2. Prototypenentwicklung mit Scrum

Umgekehrt kann Scrum auch den Design Thinking Prozess, konkret die Phase des Prototyping, untermauern. Scrum fungiert dabei als Werkbank, um Design-Thinking-Prototypen zu entwickeln. Nach einem ersten einfachen Prototyp mit Stift und Papier hat das Team ein erstes Verständnis für die Lösung. Mit jeder Iteration im Design Thinking Prozess (Makrozyklus) entwickelt sich der Prototyp vom einfachen – low fidelity prototyp – zum hochwertigen -medium oder high-fidelity-Prototyp – weiter. Für diese Prototypen kann in innerhalb eines Scrum-Sprints die Lösung erarbeitet werden.

3. Design Thinking zur Lösung von komplexen Teilproblemen

Wenn sich innerhalb eines Sprints eine komplexe Fragestellung ergibt, kann es durchaus auch sinnvoll sein, einen kurzen Design Thinking – Mikrozyklus von wenigen Stunden bis zu wenigen Tagen einzuschieben. Das gibt dem Scrum-Sprint eine ganz andere Tiefe. Es kommt bei einem Scrum-Projekt durchaus vor, dass erst während der Umsetzung eines Backlog-Items realisiert wird, das die Lösung nicht wirklich zufriedenstellend funktionieren wird. Um aus den Fehlern gut zu lernen, kann im Rahmen einer Design Thinking Jam Session noch tiefer nach der Ursache geforscht werden. Dadurch wird das Bedürfnisse besser verstanden und ein besserer Prototyp kann als Ergebnis wieder in das Product Backlog einfließen.

Mit Design Thinking bekommt der Scrum Prozess eine neue Qualität. Die Software oder das komplexe Produkt kann eine neue Ebene und Innovationsgrad während seiner Entwicklung erreichen. So kann Komplexität ganzheitlicher betrachtet, Unsicherheiten abgebaut, Zeit und Ressourcen geschont werden. Dadurch können einzigartige Produkte entstehen. Welche Erfahrungen hast du mit Design Thinking und Scrum gemacht?


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