Komplexität

Komplexität meistern – Veränderung gestalten

Die Welt ist VUCA – volatil, unbeständig, komplex und mehrdeutig. Zusammenhänge und Wechselwirkungen lassen sich schwer überblicken, vorhersehen, nachvollziehen. Der Grad an Komplexität scheint mit zunehmender Digitalisierung ins Unendliche zu steigen. Ist die VUCA-Welt ein neuer Zustand oder haben wir die komplexen Zusammenhänge und Wechselwirkungen zuvor nicht wahrgenommen? Gehen wir der Sache auf den Grund.

Was ist Komplexität?

Ein System besteht aus mehreren Beteiligten und/oder Elementen. Je stärker diese miteinander vernetzt sind, desto stärker ist der Grad an Komplexität. Durch Interdependenzen, Wechselwirkungen und Feedback entsteht eine Dynamik innerhalb eines Systems. Die Grenzen sind allerdings nicht erkennbar, sie sind vielmehr offen. Wir können nur einen Ausschnitt betrachten, nie das Ganze erfassen.

Komplexität herrscht, wenn:

  • …der Informationsaustausch offen und dynamisch zwischen mehreren Beteiligten und Elementen ist, wir es demnach nie vollständig allumfassend betrachten können.
  • …viele Beteiligten, jede auf Basis von Heuristiken und lokalen Informationen, voneinander unabhängig reagieren und ihr Verhalten demnach sehr schwer vorhersagbar ist.
  • …die Dynamik, verursacht durch Wechselwirkungen, Interdependenzen und Rückkopplungen, für Überraschungen sorgen.

Ist die Komplexität nun ein Alleinstellungsmerkmal unserer Zeit? Komplexe Systeme gab es schon immer. Ganz vorne genannt sei das System „Familie“. Es ist feingliedrig vernetzt, nicht sichtbar, extrem robust und durch Rückkopplung hochgradig dynamisch. Das Börsensystem wirkt nicht nur in der heutigen Zeit undurchsichtig und unberechenbar, hier sei der Kollaps der New Yorker Börse im Jahr 1929 genannt. Und die klimatischen Wechselwirkungen sind seit jeher unüberschaubar und schwer nachvollziehbar. Allerdings ist es nun unsere Aufgabe, diese Komplexität zu verstehen und im Sinne einer enkelfähigen Zukunft positiv zu beeinflussen. Das Phänomen der Komplexität ist nicht neu, der Anspruch komplexe Systeme zu hinterfragen und zu begreifen, um Veränderungen sinnvoll zu gestalten vielleicht schon. Und sicherlich gibt die fortschreitende internationale und digitale Vernetzung der bisherigen Komplexität eine zusätzliche Dimension.

Kann uns die Digitalisierung helfen, komplexe Systeme zu meistern und zu steuern?

Künstliche Intelligenz, Machine Learning, Big Data – diese Wörter gehören als fester Bestandteil zu unserer Zeit. Und mit zunehmender Sammlung an Daten können wir mit Hilfe von intelligenten und selbstlernenden Algorithmen die Zusammenhänge erkunden. Yuval Noah Harari hat in seinem Buch „HOMO DEUS“ die Religion des Dataismus geprägt.

Die Maschinen haben dem Menschen eins voraus: Wir können nur eine gewisse Menge an Informationen aufnehmen und verarbeiten. Bei Software gibt es keine Grenzen.

So konnte bspw. das berühmte System AlphaGo den Weltmeister im Spiel Go schlagen, ein Spiel, das als eines der schwierigsten der Welt gilt. Die Software bekam eine Menge an Informationen über die Strategie und bisher gespielte Partien, lernte die Regeln und begann zu spielen. Es lernte immer schneller, ganz autonom.

Auch die Medizin, in der Millionen Diagnosen, Analysen und Aufnahmen verfügbar sind, ist der ideale Einsatzbereich für künstliche Intelligenz. Beispielsweise kann das System Watson Health von IBM die Ärzte und Ärztinnen beim Diagnostizieren unterstützen und eine Behandlung vorschlagen.

Kann ein Algorithmus, der selbständig lernt und sich weiterentwickelt, bessere Entscheidungen in komplexen Situationen treffen als der Mensch? Ist es ein Werkzeug zur Erschließung der Komplexität? Oder gar eine Wunderwaffe für Probleme, wo der Mensch keinen Durchblick mehr hat?

Die Maschine kann unweigerlich bessere Entscheidungen in komplizierten Situationen mit abgesteckten Grenzen und vordefinierten Rahmenbedingungen treffen, in Situationen wo eine Entscheidung an Regeln und Mustern gekoppelt ist, in komplizierten Situationen, die ich mit Wissen erschlagen kann. Und auch in komplexen Situationen kann die Maschine in Windeseile verschiedene Szenarien durchrechnen und Empfehlungen aussprechen. Sollten wir darauf ausschließlich vertrauen? Es würde einer Entfremdung mit uns selbst sein. Unser Verhalten wäre nicht mehr selbstbestimmt, individuell und überraschend.

Wie können wir als Menschen Komplexität begegnen?

Die bisher beste Methode war die Reduktion von Komplexität – weniger ist mehr und simple is beautiful. Durch vereinfachte Modellbildung schaffen wir ein einfaches Abbild der Welt. Allerdings wird es der Dynamik der Systeme nicht gerecht.

Komplexität braucht VIELFALT. Ich kann Komplexität nur mit ihrer eigenen Komplexität begegnen. Es braucht verschiedene Meinungen, Sichtweisen und Ideen. Und diese gelebte Diversität und Vielfalt benötigt Vertrauen und Offenheit.

Komplexität erfordert ein iteratives statt sequenziellen Vorgehens. Mit Experimenten probiere ich aus und lerne schrittweise. Durch gemachte Fehler gewinne ich Erkenntnisse in der Retrospektive. Komplexität braucht Flexibilität im Kopf, bei den Methoden und Entscheidungen.

Komplexität kann nicht gemanaged werden. Wir müssen ein Verständnis für die Zusammenhänge entwickeln, ein Gespür für die Netzwerke haben und die Temperatur fühlen. Unsere Intuition hilft uns dabei.

Das Verständnis von komplexen Systemen entsteht über das Verstehen des Einzelteils (oder Elements) im Kontext seines Zusammenwirkens mit anderen Elementen.

„Um Wissen produktiv zu machen, müssen wir lernen den Wald, als auch den einzelnen Baum zu sehen. Wir müssen lernen Zusammenhänge herzustellen.“ Peter Drucker – 1993

So können wir Komplexität meistern und Veränderung im Sinne der Gesellschaft und der Natur gestalten.

 

Quellen:

  • Borgert, S.: „Die Irrtümer der Komplexität“, 2015 GABAL Verlag GmbH
  • Pfläging, N.; Hermann, S.: Komplexitoden – Clevere Wege zur (Wieder)Belebung von Unternehmen und Arbeit in Komplexität, 3. Auflage, 2016 Redline Verlag
  • Range, T.: Entscheidungs-Maschinen – können Computer komplexe Probleme besser lösen als Menschen?, in: brand eins 07/19, S. 64-69.
  • Przegalinska-Skierowska, A.; u.a.: Künstliche Intelligenz – denn wir wissen nicht, was sie tut, in: Psychologie & Leben 01/19, S. 90-109.

 

 


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